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Hans Sauerbruch
Erinnerungen an einen Freund

Nach Beendigung meines Studiums bei Prof. Jaeckel 1933 lernte ich als junger Maler Jean Paul Schmitz und seine Frau in Berlin kennen. Soeben verheiratet, waren sie damals von Düsseldorf nach Berlin übersiedelt, in der Hoffnung, sich hier eher eine Existenz aufbauen zu können, als es damals im Rheinland möglich war. Und in der Tat schien es sogar so, als ob die Zeit für Künstler dort günstig wäre. Kasernen, Ämter, Diensträume und sonstige öffentliche Gebäude sollten künstlerisch ausgestaltet werden. Es gab also Arbeit auch für die Maler, jung oder alt, insofern man nicht als »entartet« und »unwürdig« öffentlich aufgefallen war. Man konnte leben. Das sollte sich aber bald ändern. Das bittere Ende folgte für alle Deutschen und schließlich für ganz Europa. Der Zweite Weltkrieg brach aus. Auch die soeben aufgebaute Lebensbasis der Schmitz-Familie wurde erneut in Frage gestellt. Verluste durch Bombenangriffe, Evakuierung nach Süddeutschland, erneuter Wehrdienst für Jean Paul, Unruhen und Schwierigkeiten aller Art waren die nächsten Stationen. Schließlich gelang es den Eheleuten samt ihren inzwischen geborenen beiden Kindern, zunächst im Bodenseegebiet unterzukommen, und schließlich in einem hübschen Haus in Wangen auf der Höri eine neue Heimstätte aufzubauen.
Auch mir waren inzwischen alle Felle davongeschwommen. Zwar hatte ich das große Glück, von der Preußischen Akademie noch im Jahre 1938 das Olcvano-Stipendium, als Nachfolger von Jean Paul Schmitz, erhalten zu haben - ein Umstand, der unsere Gemeinsamkeit um so mehr festigen sollte - im übrigen aber blühte auch mir das übliche Schicksal: Krieg, Gefangenschaft, der völlige Ruin meiner Existenz. Die Verbindung zu dem Freund war völlig abgerissen. Eines Tages jedoch trafen wir uns unversehens in Konstanz. Die Meinen und ich waren dort nach allerhand Fährnissen gelandet. Von nun an bis zu dem frühen Tod von Jean Paul entwickelte sich ein sehr herzliches und freundschaftliches Verhältnis zwischen uns und unseren Familien.
Bald gehörte auch Schmitz zum Kreise der sogenannten Höri-Maler (Otto Dix, Heckel, Stuckert, Rosemarie Schnorrenberg, Becker, Herzger, Macketanz, um nur einige zu nennen). Viele von ihnen hatten sich nach ähnlichen Schicksalsschlägen an den Bodensee zurückgezogen, bestrebt zu überleben und den gegebenen Verhältnissen zum Trotz zu arbeiten und neue Werte aufzubauen. Es verlohne sich sehr wohl, sich an den Gaben und Schönheiten unseres Daseins zu erfreuen und sich bewußt zu werden, daß die Welt nicht immer nur ein dunkles Jammertal sein muß. Gerade die Bilder von Jean Paul Schmitz weisen auf das Frohe und Lichte hin. Sie sind dazu angetan, dem Betrachter Mut zu machen, Vertrauen zu haben und die Augen offen zu halten. Der große Matisse hat einmal gesagt, er wünsche es sich, daß seine Bilder auf den Menschen wirken mögen wie ein großer Sessel, der ihm von physischer Ermattung Erholung gewähre. Ähnliches ließe sich in gewisser Weise auch von den Ölbildern, Aquarellen und Grafiken von Jean Paul Schmitz sagen. Seine Kunst berichtet von einer »heilen Welt« im besten Sinne des Wortes. Sie hat Freude am Intimen, an der Idylle. Sie sieht die Welt mit den Augen eines Kindes, so möchte ich fast sagen, das einfach Spaß hat an einem wunderschönen Tag, an bunten Blumen, an einem dunkel- blauen Himmel mit weißen Wolken oder auch an einem vorbeifahrenden Dampfer am See. Dennoch legte Schmitz größten Wert auf soliden Aufbau, auf Komposition, auf Zeichnung. Eine besondere Begabung für Farbe ist seiner Kunst eigen. Seine Motive fand er gern in kleinen Alltäglichkeiten: spielende Kinder, Schlittschuhläufer, Reiter, ländliche Feste, Bauern auf dem Felde und ähnliches mehr. Vor allem liebte er auch die Landschaft als solche zu allen Jahreszeiten. Gelegentlich erfreute er mit einem sehr ausgewogenen und überlegt aufgebauten Stilleben. Nie wollte er moralisierend wirken oder anklagen. Seine Bilder sind in keiner Weise tendenziös oder propagandistisch, dennoch den Menschen zugewandt. 
Jean Paul Schmitz war im Grunde seines Wesens ein sehr ernster, nachdenklicher Mensch, der viel gesehen und durchgemacht hatte. Er kannte die Welt. Aber er war ein Weiser und gerade deshalb wohl fröhlich, er nahm die Dinge mit stoischer Gelassenheit, so wie sie waren oder gegeben wurden. Er war ein guter Freund, ein trefflicher Kumpan, mit dem man bei einem Glase Wein die ganze Welt auf den Kopf stellen konnte. Unendlich viele schöne Geschichten wußte er zu berichten, die er mit spitzbübischen Augen zwinkernd, die nie fehlende Tabakspfeife im Munde, zum besten gab.
Wie oft haben wir uns über künstlerische Probleme unterhalten, unsere Arbeit gegenseitig besprochen, Ratschläge gegeben, Erfahrungen ausgetauscht und uns auf diese Weise so manches Mal geholfen, irgendwelche Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen, als Malerkollegen, aber auch als Menschen im Alltag.
Eine heimtückische Krankheit hat ihn im Alter befallen. Im vollen Bewußtsein der Tatsache ertrug er auch diese Situation gelassen. Souverän ging er den ihm vorgezeichneten Weg bis zum bitteren Ende. Eine allerletzte Erinnerung an ihn bei einem Besuch in der Klinik: Er saß in einem Sessel, das Ende war abzusehen. Er schenkte meiner Frau und mir einen Strauß Rosen als einen letzten Gruß.
Ja, lieber Paul, und nun, da ich alle diese Gedanken und Erinnerungen an Vergangenes aufgeschrieben habe, meine ich fast, Du säßest wie früher so oft mir gegenüber. Wir hätten wieder einmal uns gründlich über alle möglichen Probleme, über Gott und die Welt ausgelassen. Schließlich mußten wir einmal mehr doch feststellen, daß die letzte aller Fragen immer offen bleiben und trotz noch so vielen Nachdenkens nicht beantwortet werden kann. Wir Menschen müssen unser Leben mit all seinen Wunderlichkeiten und Rätseln, mit allen hellen und dunklen Tagen hinnehmen und »Ja« sagen, auch wenn das »Ja«-sagen oft sehr schwer fällt. 
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